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Von Chatten, Landgrafen und Literaten

Kleine Geschichtsstunde aus einer an Historien reichen Region: Nordhessen ist der historische Kern des alten Hessenlandes. Hier lebten einst die Chatten, die sich später mit den Franken vermischten und dann Hessen genannt wurden. Im Mittelalter war dies das Territorium der Landgrafschaft Hessen, als deren interessantester Repräsentant im 16. Jahrhundert Landgraf Philipp der Großmütige hervortrat, einer der Vorkämpfer der Reformation. Aus der alten Landgrafschaft wurde 1803 das Kurfürstentum Hessen-Kassel, die Heimat und Wirkungsstätte der Brüder Grimm.

 

 

Die Brüder Grimm über Nordhessen

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Die Brüder Grimm

„Einer jener guten Zufälle aber war es, daß wir aus dem bei Kassel gelegenen Dorfe Niederzwehrn eine Bäuerin kennenlernten, die uns die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählte. Die Frau Viehmännin war noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahre alt. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Festes, Verständiges und Angenehmes, und aus großen Augen blickte sie hell und scharf. Sie bewahrte die alten Sagen fest im Gedächtnis und sagte wohl selbst, daß diese Gabe nicht jedem verliehen sei und mancher gar nichts im Zusammenhange behalten könne.

 

Hessen hat als ein bergichtes, von großen Heerstraßen abseits liegendes und zunächst mit dem Ackerbau beschäftigtes Land den Vorteil, daß es alte Sitten und überlieferungen besser aufbewahren kann. Ein gewisser Ernst, eine gesunde, tüchtige und tapfere Gesinnung, die von der Geschichte nicht wird unbeachtet bleiben, selbst die große und schöne Gestalt der Männer in den Gegenden, wo der eigentliche Sitz der Chatten war, haben sich auf diese Art erhalten und lassen den Mangel an dem Bequemen und Zierlichen, den man im Gegensatz zu anderen Ländern, etwa aus Sachsen kommend, leicht bemerkt, eher als einen Gewinn betrachten. Dann empfindet man auch, daß die zwar rauheren, aber oft ausgezeichnet herrlichen Gegenden wie eine gewisse Strenge und Dürftigkeit der Lebensweise zu dem Ganzen gehören. überhaupt müssen die Hessen zu den Völkern unseres Vaterlandes gezählt werden, die am meisten wie die alten Wohnsitze so auch die Eigentümlichkeit ihres Wesens durch die Veränderung der Zeit festgehalten haben.“

 

Kassel, am 3. Julius 1819

 

Aus der Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm


 

Literatur-Festival zum Jubiläum

Das weltweit bekannteste Buch deutschen Ursprungs hatte Geburtstag: Am 20. Dezember 2012 jährte sich das Erscheinen der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zum 200. Mal. Grund genug für das Land Hessen, das Themenjahr "grimm2013" zu veranstalten, das im Dezember 2012 begann. Ein Höhepunkt war der Literarische Frühling in der Heimat der Brüder Grimm - er wurde auch von der Bärenmühle veranstaltet.

 

Im. März 2013 fand das zweite Literatur-Fest auf den Spuren der berühmten Brüder statt, mit Martin Walser, F. C. Delius, Thea Dorn, Denis Scheck und vielen anderen. Im Frühjahr 2014 waren unter anderen Hans Magnus Enzensberger, Martin Mosebach, Hans-Josef Ortheil und Peter Schneider dabei. Beim vierten Festival im April  2015 gehörten zu den illustren Gästen Axel Hacke, Nino Haratischwili, Thomas Hettche, Sibylle Lewitscharoff und natürlich unsere Schirmherren Mario Adorf und F. C. Delius. Die Planungen für 2016 haben bereits begonnen... Mehr über den Literarischen Frühling in der Heimat der Brüder Grimm erfahren Sie hier.

 



Tacitus und die tapferen Chatten

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Germanische Ratsversammlung

In der Antike lebte im heutigen Nordhessen das germanische Volk der Chatten, die als besonders kriegerisch und tapfer galten. Ihr Siedlungsraum waren die Flussgebiete um Eder, Fulda, Schwalm und Lahn. Zusammen mit anderen germanischen Stämmen lieferten sie sich viele Schlachten gegen die Römer, die nicht zuletzt zur Abwehr der Chatten im Rhein- Main-Donau-Raum ihren großen Schutzwall, den Limes, erbauten. In seinem berühmten Buch „Germania“ schrieb der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus (ca. 55 - 115 n.C.) unter anderem:

 

„Weiter nördlich beginnt mit dem herkynischen Walde (gemeint sind Spessart, Rhön, Vogelsberg und Weserbergland) das Land der Chatten; sie wohnen nicht in so flachen und sumpfigen Gebieten wie die übrigen Stämme, die das weite Germanien aufnimmt. Denn die Hügel dauern an und werden erst allmählich seltener, und so begleitet der herkynische Wald seine Chatten und endet mit ihnen. Bei diesem Volk sind kräftiger die Gestalten, sehnig die Glieder, durchdringend der Blick und größer die geistige Regsamkeit. Für Germanen zeigen sie viel Umsicht und Geschick: sie stellen Männer ihrer Wahl an die Spitze, gehorchen den Vorgesetzten, kennen Reih und Glied, nehmen günstige Umstände wahr, verschieben einmal einen Angriff, teilen sich ein für den Tag, verschanzen sich für die Nacht; das Glück halten sie für unbeständig und nur die eigene Tapferkeit für beständig. Und was überaus selten und sonst allein römischer Kriegszucht möglich ist: sie geben mehr auf die Führung als auf das Heer.“

 

Zitiert nach Tacitus, Germania, übersetzt von Manfred Fuhrmann, Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart


 

Philipp der Großmütige

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Landgraf Philipp

„Predige er Luther, so will ich dieweil sehen, dass man die Pferde sattele...“

Klein sei er von Person, womit Luther und andere seiner berühmten Zeitgenossen aber mehr den Machtbereich seines Hessenlandes als seine Körpergröße meinten. Vermessen schien deshalb vielen sein Ehrgeiz, verwegen sein Mut, skrupellos und revolutionär seine Politik, die sich auf weite Teile Europas richtete.

 

Zu seinen entschiedensten Feinden zählten keine Geringeren als Kaiser und Papst, zu seinen engen Verbündeten der glanzvolle Königshof in Frankreich und die protestantischen Fürsten von Sachsen und Württemberg, denen er als militärischer Hauptmann voranritt. Im Einverständnis mit den Reformatoren löste Philipp zum Zwecke des „gemeynen Nutz“ die Klöster Hessens auf und gründete an deren Stelle neue Schulen, Hospitäler und eine Universität, die noch heute bestehen.

 

Eben 25-jährig glaubte er, die theologischen Streitigkeiten der evangelischen Wortführer in einem international besetzten „Religionsgespräch“ in Marburg schlichten zu können, schuf eine eigene Kirchenordnung, reformierte seine Landesverwaltung von Grund auf und kämpfte gegen kaiserliche Truppen, rebellische Ritter und aufständische Bauern. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges lieferte er sich wegen seiner leidenschaftlichen Liebe zu einem Hoffräulein, die er mit einer Doppelehe besiegelt hatte, seinen Gegnern aus. Als gefährlichster Anführer der im ersten neuzeitlichen Glaubenskrieg eskalierenden Luthersache musste er sich dem Kaiser unterwerfen und wurde schließlich fünf Jahre lang fern der Heimat in demütigende Gefangenschaft gesetzt.

 

„Landgraf Philipp von Hessen, 1504 in Marburg geboren und 1567 in Kassel verstorben, gilt unbestritten als eine der profiliertesten, schillerndsten und dramatischsten Gestalten der deutschen Geschichte. Sein Beiname Magnanimus – der Großmütige – signalisiert die umfassende Wertschätzung die ihm von den Reformatoren, seinen europäischen Verbündeten und nicht zuletzt auch von seinen Landsleuten zugestanden worden ist. In seiner Biographie bündeln sich nahezu alle großen Umwälzungen am Beginn der Neuzeit.“

 

Aus: Hessen im Zentrum der Reform, Ausstellung des Landes Hessen in Verbindung mit der Philipps-Universität Marburg. (4. Sept. - 28. Nov. 2004)